INTERNET-COMPUTER WIRD ZUM PLATT-LAUTSPRECHER

INS-Presse (Nachrichten des Instituts für Niederdeutsche Sprache), Januar 2002

Das Internet wird zunehmend zur akustischen Fundgrube für Niederdeutsches. Ausgerechnet Computer des Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Boston/USA stellen jetzt eine Liste mit plattdeutschen Radiosendungen bereit, die regelmäßig im World Wide Web (WWW) zu empfangen sind, von Grönland bis Feuerland. Düt und dat op Platt – egal ob's die plattdeutschen Nachrichten täglich auf Radio Bremen sind, "Hör mal'n beten to" im NDR, die "Plappermöhl" von Radio MV, "De Week op Platt" der NDR-Welle Nord oder "Tösse sess an söwe" von Antenne Niederrhein.

Hinter der regelmäßig gepflegten Homepage mit Artificial Intelligence (AI)-Adresse (http://swissnet.ai.mit.edu/~rauch/plattradio.html), steht der junge amerikanische Mathematiker Erik Rauch, dessen Eltern vor vierzig Jahren nach Amerika auswanderten, Mutter aus dem Sauerland, Vater aus Mecklenburg. Platt lernte der kleine Erik von ihnen nicht, abgesehen von "Pott", "Appel" und "Wi de Deuwel". Auch sein Hochdeutsch musste er Jahre später in der amerikanischen Highschool "zurücklernen". Bei einem Deutschlandbesuch hörte Rauch zufällig Leute plattdeutsch miteinander reden, in einer Sprache, die er längst ausgestorben glaubte. Durch die Radiosendungen im Internet lernte er, wie lebendig Niederdeutsch nach wie vor ist. Er ging auf die Suche nach akustischen Quellen – egal, ob sie nun in Rundfunksendern sprudeln oder in Universitäten wie das Literaturtelefon der Uni Oldenburg – und wurde fünfundzwanzig Mal fündig.

Das Interesse an der Sprache seiner Vorväter hat etwas mit der Forschung Rauchs zu tun: Als Doktorand beschäftigt er sich mit den Grundlagen biologischer Artenvielfalt. Sie sorgt für die Überlebensfähigkeit und Anpassung an Umwelt-Veränderungen. Im MIT arbeitet Rauch (27) mit "komplexen Systemen" – dem Versuch, unterschiedliche Fächer wie Physik, Biologie und Informatik zu integrieren. Analog zur Biologie interpretiert er Kultur samt Sprachenvielfalt. Mehr Sprachen, so Rauch, sorgen auch für ein Mehr an intellektueller Vielfalt. Insoweit tragen auch kleine Sprachen wie Niederdeutsch zur gemeinsamen Kultur Deutschlands bei. Und davon profitieren nicht nur die, die Platt sprechen.